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Vortrag zur Namensgebung, anlässlich der Einschulung der ersten Schüler unserer Schule im Schuljahr 1989/90 “Ihr lernt für Euch selbst, für das Leben …“ wie werden Euch, diese Sprüche in den Ohren klingen, aber auch nicht mehr gehört werden können! Wir, das Lehrerkollegium dieser Schule, können das nachvollziehen. Wir sind zwar auch von der Richtigkeit dieses Satzes überzeugt, nur ist es wahrscheinlich genauso schwer, den Sinn zu begreifen, wie einem “Nichtfußballer“ den Unterschied zweier Oberligavereine zu verdeutlichen. Es bedarf eben einiger Vorbereitung um Euch empfänglich dafür zu machen, daß ihr die Situation -- eben das „Warum“ man lernt – besser verstehen könnt. Unser gemeinsames Sichtbarmachen gilt Problemen der Elektrotechnik und der KFZ-Technik. Heißt das nicht: vordringlich Lernen in einem Unterrichtsfach Technik, eben kein Deutschunterricht, kein Geschichtsunterricht usw.? Vielleicht ist da schon jemand gestolpert! Eine Schule für Technik, eine Kollegschule ... aber der auffällige Schulname? Es tauchen möglicherweise Erinnerungsfetzen auf, wie „…der war doch gar kein Techniker, von dem haben wir im Deutschunterricht gehört.“ Wenn man etwas einen Namen gibt verbindet man damit eine bestimmte Absicht. So auch bei uns. Die “Hell‘s Angels“ nennen sich nicht umsonst so, und wenn wir hier die Aufgabe hätten, etwas nach „Albert Schweitzer“ zu benennen, dann fiele uns sicher sofort etwas Passendes ein. Einem Kindergarten den Namen eines Generals zu geben, käme uns allen mit Sicherheit nicht in den Sinn. Das Kollegium hat sich bei der Namensgebung für unsere Schule ja auch nicht zusammengesetzt und ist bei „A“ angefangen, wir sind danach nicht auf „B“ gestoßen, um dann bei „BB“ hängen zu bleiben. Die richtige Vorstellung ist hier Bertolt Brecht. Warum stand also hier kein technischer Revolutionär im Vordergrund? Für eine Schule mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik und KFZ wären Namen wie „Werner von Siemens“ oder „Karl Benz“ wahrscheinlicher und denkbarer, oder unbekannte aber verdienstvolle Persönlichkeiten aus den Anfängen des Duisburger Berufsschulwesens. Wir haben uns hier bewusst für einen Mann wie Bertolt Brecht entschieden, weil wir glauben, dass in einer hochtechnisierten Welt ein qualifizierter beruflicher Werdegang immens wichtig ist. Das hat jeder von Euch sicher schon zu hören, oder auch zu spüren bekommen – dass die geistige Bildung, die kritische Auseinandersetzung mit wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Problemen aber nicht zu kurz kommen darf. Ein qualifizierter Facharbeiter ist gut. Ein Facharbeiter, der aber in der Lage ist, seine Aufgaben, sein Handeln und Tun auf die Auswirkungen seiner Tätigkeiten zu befragen, ist besser. Bertolt Brecht war ein Mann, der diese Art des geistigen Trainings provozieren wollte. In seinem Stück des Galilei stellt er die Frage nach wissenschaftlichem technischem Fortschritt und gesellschaftlicher Moral.
Mit der Automatisierung? Mit der Arbeitslosigkeit? Wir werden an dieser Schule diese Probleme nicht lösen können aber wir müssen lernen, sie zu erkennen. Dazu brauchen wir geistige Schulung. Dabei kann uns ein Mann wie Bertolt Brecht helfen, der immer hinter die Kulissen schauen wollte, der sich in seinen Werken bemüht hat, den Arbeiter, den Schaffenden, ins rechte Licht zu rücken. Ihm und damit uns zu zeigen und zu sagen, daß wir auch Anteil haben, an der Veränderung unserer Welt. Deutlich wird dies in seinem Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“.… „Wer baute das siebentorige Theben? In den Büchern stehen die Namen von Königen. Bertolt Brecht will auch hier deutlich machen, daß es auf jeden einzelnen von uns ankommt. Einer allein wird nur sehr selten Geschichte machen, aber ein wenig beeinflussen können wir unsere Geschichte durch tatkräftiges Engagement. Brecht flüchtete 1933 wegen seiner politischen Einstellung vor den Nazis ins Ausland. Er wartete 1948 vergeblich auf die Einreisegenehmigung in das neue Westdeutschland. Schließlich ging er im Oktober 1948 nach Ost-Berlin, in die damalige Sowjetische Besatzungszone (ab Oktober 1949 DDR), wo er das Berliner Ensemble am Deutschen Theater Berlin gründete. Politisch war Bertolt Brecht in dieser Zeit stark umstritten. Seine Botschaften sind für uns aber heute noch wichtig. Er war ein entschiedener Kriegsgegner - und ist nicht gerade die Kriegstechnologie für uns Techniker zu faszinierend? Mehr als die Hälfte aller Techniker, Forscher und Ingenieure arbeiten in der Kriegstechnologie! Ich möchte hier noch einmal Brecht zitieren mit einer Warnung, die er in den 50er Jahren an alle Deutschen in Ost und West sprach: “Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.“ Ich glaube diese Worte sprechen so für sich, daß jeder der sie aufmerksam liest versteht, was Brecht damit ausdrücken wollte. Qualifizierte Fachleute könnt Ihr hier werden, das ist selbstverständlich und darum werden meine Kollegen und ich uns bemühen. Aber in einer Welt voller Technik das Wofür und Warum nicht aus dem Auge zu verlieren, halten wir für eine ebenso große und fast noch schwierigere Aufgabe. Wir wollen Euch dabei helfen und ich wünsche mir für Euch, daß wir in diesem Sinne unsere Schule für Euch nutzbar machen können. Reinhard Römer alle Zitate aus: |